Ethik begegnet uns gegenwärtig auf Schritt und Tritt in unterschiedlichster Gestalt: Ob unter dem Schlagwort der Bioethik, Medizinethik, Tierethik, den mittlerweile zu begrifflichen Pas de deux erhobenen Ethik und Politik oder Ethik und Wirtschaft (man denke hier nur an die dem Zeitgeist folgenden Ethikfonds), oder auch in der beliebten Debatte, ob der Religionsunterricht an den Schulen durch Ethikunterricht ersetzt werden soll bzw. kann, . - Und dies sind nur einige Schlagworte, die für rege Diskussionen in Wissenschaft und Gesellschaft sorgen, zumal in einer medial dominierten Zeit. Kein Bereich des wissenschaftlichen und alltäglichen Lebens scheint es sich mehr leisten zu können, an einer Thematisierung seiner Beziehung zur Ethik vorbeigehen zu können. Auch die rasant wachsenden medizinischen und technologischen Möglichkeiten stellen uns vor neue Probleme und Fragen: Welche Auswirkungen hat die neue Machbarkeit sowohl auf das Zusammenleben der Menschen als auch auf die Würde des einzelnen Individuums? Ist alles, was juristisch schon oder noch legal ist, auch in gleichem Maße legitim? Es scheint, daß wir zunehmend auf beratende und warnende Instanzen angewiesen sind, die aus ethischer Perspektive ein wachsames Auge auf die aktuellen Entwicklungen werfen. Übersehen wird dabei aber leider allzu oft, daß diese Instanzen auch alibimäßig installiert werden können, zur euphemisierenden und beruhigenden Verbrämung an und für sich unbefriedigender Zustände, und sich so manche Ethikdiskussion irrigerweise bereits als Legitimierung des besprochenen Gegenstandes mißversteht bzw. als solche funktionalisiert wird.
Dabei droht der Begriff der Ethik selbst immer verschwommener und beliebiger zu werden, oszillierend zwischen inflationär verwendeter Floskel und latentem Moralin.
Bleibt als Gegenbewegung zu dieser Popularisierung also nur der Rückzug in jedermanns eigene Privatethik zur individuellen Gewissensberuhigung, gleichsam als Mimesis an die einstige Privatisierung der Religion im Prozess ihrer Säkularisierung?
Auffällig an den so zahlreichen Debatten ist immerhin ihr fast völliger Verzicht auf genaue Begriffsdefinitionen; unreflektiert werden Moral und Ethik vermengt, von einer näheren Betrachtung der philosophischen Wurzeln gerne abgesehen. Was aber bedeutet Ethik wirklich? Wie steht es um die Lehre vom geglückten und guten Leben? Worin liegen ihre antiken Wurzeln, wie sieht ihr Verhältnis zur Religion aus? Was kann angewandte Ethik in einer aufgeklärten Gesellschaft leisten? Wem nützt sie? Sind die tradierten philosophischen Ethikkonzeptionen vor dem Hintergrund neuer ökonomischer, gesellschaftlicher und technologischer Anforderungen noch brauchbar? Wer untersucht und hinterfragt die Genealogie der zahllosen Ethik-Debatten selbst? Was haben diese noch mit der Philosophie zu tun? Und ist der gegenwärtige Ethik-Boom nicht zuletzt ein bedeutendes Symptom für den Zustand und die Bedürfnisse unserer Gesellschaft?
Diesen Fragen wird die 1.philosophische akademie intensiv und interdisziplinär nachgehen. Speziell StudentInnen und junge, noch nicht arrivierte WissenschaftlerInnen aller Disziplinen werden im Rahmen von Vorträgen und Diskussionen das Thema aus möglichst vielen Perspektiven kritisch und dekonstruktiv beleuchten, wobei mit diesem Projekt den zahlreichen bestehenden Diskursen nicht einfach nur ein weiterer hinzugefügt werden soll, sondern vielmehr das Kernanliegen darin besteht, den Bereich der Ethik weitestmöglich auszuloten und darzustellen, um schließlich auch einzelne Diskurse exemplarisch in ihrer jeweiligen Beziehung zum Ganzen und in ihrer Korrelation zueinander zu prüfen.